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23.4.2001 Der erste Montag des neuen Semesters, der neue Kurs beginnt. Die SCHAUMBURGER BÜHNE geht zusammen mit der KREISVOLKSHOCHSCHULE SCHAUMBURG eine neue Theaterproduktion an. Nach zwei Semestern soll dann die Erarbeitung des Theaterstückes stehen: Agatha Christies “Die Mausefalle”! Neben den Spielern der “Schaumburger Bühne” fanden sich auch einige neue Theaterinteressierte ein. Wir freuen uns sie in die Theaterarbeit zu integrieren. Wer weiß etwas über die Autorin und über das Theaterstück, war die erste Frage, die der Spielleiter Jürgen Morche in die Runde warf - es gilt eine neue Welt zu entdecken. Der Spielleiter verlas anschließend eine zweiseitige Biografie, die er im Internet fand und verlas auch einen knappen Text des “Blutenburg-Theaters” aus München, einer professionellen und reinen Kriminaltheaterbühne, über den Inhalt des Stücks. Jürgen Morche erläuterte den Bühnenbildentwurf, den er an die Tafel zeichnete und los ging die Leseprobe mit verteilten Rollen. Theaterarbeit ist mühsam - viele Striche und viele Änderungen der Vorlage wurden von allen Anwesenden in ihre Rollenbücher übertragen. Schlußendlich kam man gerade mal bis auf Seite 10. Verzweifeln? Nein, aller Anfang ist schwer. Es gilt nicht nur den Text des Stückes auswendig zu lernen, Theaterarbeit heißt auch Sekundarliteratur sichten, alles Interessante zu dem Thema zu sammeln und zu untersuchen. Wo spielt es, wann und wie waren die Zeitumstände. Der Text ist letztendlich vielleicht 3/10 der Theaterarbeit, wie bei einem Eisberg liegt der Rest im “nicht sichtbaren Bereich”. Momentan gilt es noch die Basis zu finden, der gemeinsame Nenner auf dem aufgebaut werden kann, das Fundament. Besonders am Anfang des Stückes, wenn das Publikum noch auf das Stück eingestimmt wird, die Einführung der Personen, des Ortes stattfindet, gilt es besonders detail- und milieugerecht genau zu sein. Besonders bei einem Kriminalstück, wo jeder Zuschauer im Publikum zum “Hercules Poirot”, respektive “Miss Marple” wird. Noch darf, muss probiert, diskutiert, ausprobiert werden. Alles ist erlaubt. Vieles stimmt intuitiv schon und vieles ist noch nicht geklärt. Es ist ein wunderbares Stück. Wir alle fangen an es zu lieben. Und unsere Kostümbildnerin ist dabei und erlebt die Menschen, die sich scheu, brüsk, fremd, linkisch, mutig “ihren Charakteren” nähern. Unsere “Mausefalle” spielt 1970. Ja, seltsam, aber möglich. “life sentence” wurde in unserer Inszenierung nach 22 Jahren wegen “guter Führung” begnadigt. Und alle werden die Kleidungsstücke erhalten und tragen, die sich gekauft hätten, wenn es sie denn wirklich gegeben hätte. Individualismus wird, auch heute noch, entschiedener und bewußter gelebt und akzeptiert “auf der Insel”. Da könnten wir Mitteleuropäer noch einiges zu lernen von den Angelsachsen, wenn wir unsere “Individualität” nicht inzwischen ad absurdum geführt hätten. Ein Individuum ohne Sozialisation, ist wie eine Mistel auf einem Baum: als Einzelerscheinung gerade noch exotisch und zu ertragen, im Massenaufkommen aber killt sie den Wirt, sprich: die Gesellschaft. Ich schweife ab, auch das kann und darf die Arbeit an einer Inszenierung. Ich freue mich schon auf die nächste Probe, wenn es dann sofort weitergeht, direkt ab Seite 10. |
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7.5.01 Endlich der zweite Probentermin. Die bereits eingestrichenen und geänderten Seiten haben wir mit verteilten Rollen durchgelesen. Es fasst und hat schon Zug. Und weiter geht es mit dem mühsamen gemeinsamen durchgehen des Textes. Weitere Striche, weitere Änderungen und weitere Hintergrund- informationen für die Darsteller. Es gilt die vielen grundsätzlichen Deatails zu klären. Der Text ist noch fremd und hat die Konsistenz von kalter Knetmasse. Stanislawskis 5 W´s. Hier sind sie wieder. Wir tauchen ein.
21.05.01 Heute sind wir durchgekommen. Das ganze Stück gelesen, das ganze Stück eingestrichen - erstmal. Es juckt uns in den Zehen, wir wollen, wir müssen auf die Bühne. Ausprobieren. Erstaunlich, wie jede Rolle ihren “eigenen Atem” gefunden hat. Schon beim Lesen. Und wie viele Facetten jede Figur hat. Alle sind irgendwann mal verdächtig. Eigentlich könnte jeder der gesuchte Mörder sein - bis auf den Polizisten. Der natürlich nicht. Aber von den anderen, könnte es jeder gewesen sein. Und doch ist es nur einer, der “Die Mausefalle” aufstellt. Und auch die Spieltermine nehmen zu. Immer mehr Veranstalter interessieren sich für das Stück. Wunderbar. Und jetzt kommt sehr viel Arbeit auf uns zu. |
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28.05.01 Die ersten beiden Szenen haben wir angelegt. Es ist ein dichtes und fantastisch gut geschriebenes Stück. Die Figuren wollen genau untersucht werden. Groß-Britannien - England - es ist alles sehr britisch - und das ist gut so. Beliebigkeit sollte so verhindert werden. Wir befinden uns in einem abgelegenen Haus und immer mehr Menschen strömen rein in das Haus, in die Szene. Das verliebte, unbeschwerte und unternehmungslustige Pärchen, Mollie und Giles, eröffnen das Stück - unbeschwert und munter und allein mit sich. Und jeder Gast bringt Veränderung mit sich. Und mit der Arbeit an dem Stück gehen wir ein Stück weiter auf der Reise in die Geschichte. |
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3.11.01 Ungeheurlich, wieviel Zeit bisher vergangen ist. Ich habe durch zwei andere Produktionen keine Zeit gehabt unser armes Tagebuch weiterzuschreiben. Aber nun gibt es auch einiges zu erzählen: Wir haben einen neuen Giles! Unser erster Giles hat seine Lehrstelle verloren, weil die Firma in Konkurs ging und unser Mitspieler war so entnervt, daß er beschloß mit einem Freund ein Jahr lang um die Welt zu reisen - was er schon immer vorhatte. Globetrotten mit nicht viel mehr in der Tasche als Lebensmut, Zuversicht und Gottvertrauen. Und einen neuen Mitspieler zu finden war nicht leicht. Aber unser Ensemble wuchs auch dadurch sehr zusammen. Die Mitspieler haben ihre Rolle gefunden, unser Bühnenbild ist gebaut, gestrichen und - nach einigen Änderungen - haben wir jetzt auch den britischen Charme des “bygone” getroffen. Der Charme vergangener Tage mit bedruckten Tapeten, Kassetten in den Wänden und dem unwiderstehlichen liebenswerten britischen Muff der “old days”. Die Kostüme sind ausgewählt und unsere Probenwochenenden lassen uns in das Stück eintauchen. Es beginnt zu leben, zu atmen und wir mit ihm. Heute waren Techniker vom Statdtheater da und haben uns beraten, wie es beleuchtet werden soll, wie die Schneemaschine zu installieren ist, der Rückprospekt, die Scheinwerfer positioniert werden können. Es wird ernst. Nun haben wir das dritte von vier Probenwochenden: Freitag 17 - 22 Uhr, Samstag 14 - 21 Uhr und Sonntag 10 - 17 Uhr, dann noch einen Generalprobentag und dann... Das Kribbeln im Bauch nimmt zu! |
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25.11.01, 03:19 Uhr Die Premiere war ein Riesenerfolg! Das Forum war restlos ausverkauft, von überall her wurden zusätzliche Stühle organisiert, als es keine mehr gab, setzten sich die Zuschauer auf die Balustraden des Forums. Das Ensemble war wunderbar präsent und dann fing die Scheinwerferanlage an zu flackern. Zuerst ganz unmerklich. Was ist los? Das Pult hat die korrekten Einstellungen, auch an den Reglern liegt es nicht - ob der Motor der Schneemaschine stört? Nur jetzt kein Zusammenbruch der Dimmerpacks. Es flackert schon wieder, als ob ein betagter Stromgenerator britischer Ingenieurskunst oben in Berkshire auch mit den Schneemassen zu kämpfen hätte. Tatsächlich kamen nach der Vorstellung einige Zuschauer auf uns zu und sagten: Nicht, das Flackern des Lichts war beabsichtigt? Good God, war es nicht und ich schwitzte Blut und Wasser am Lichtpult, denn den Job hatte ich kurzfristig übernommen, weil Benjamin, unser Lichtmann, von seiner Familie nun doch unmißverständlich gebeten wurde Omas 70.ten Geburtstag mitzufeiern. Was völlig korrekt ist. Deshalb fahre ich heute das Licht und nun das: Ich kann die Stimmungen abrufen, das gerade noch, aber was mache ich, wenn das Pult sagt: Hallo, Jürgen, komm, lass uns einen Hully Gully zusammen tanzen, ich hab´ keinen Bock mehr auf die Stimmungen, was ist mit freestyle? Ich könnte die Regler eventuell einzeln... aber: was ist bei einem schnellen Lichtwechsel? Ich grübelte, und ich schwitzte und dann kam die Pause. Check aller Lichtsysteme. Nichts unregelmäßiges zu erkennen. Zweiter Teil. Nun denn, Schicksal nimm deinen Lauf. Es ist die ganze erste Hälfte nichts zusammen gebrochen, zumindest spricht die Wahrscheinlichkeit dafür, daß auch in der zweiten Hälfte nichts passiert. Alle neuen Stimmungen lassen sich perfekt abrufen, nur ab und zu - wird es plötzlich fast unmerklich heller, dann wieder etwas dunkler, dann ein leichtes Flackern. Technik!!! Und die Darsteller spielen einfach göttlich! Wie schön, daß die Leute doch recht oft lachen können in diesem Stück - das hatte ich auch gehofft erreichen zu können - und dann wieder - man könnte jetzt eine Stecknadel fallen hören. Sie spielen miteinander, sie reiben sich anneinader, hören dem anderen zu und sind wunderbar gelöst, befreit und doch gefangen in ihren Charakteren. Wunderbar. Das Publikum ist so begeistert, daß man die eingespielte Applausmusk auch hätte weglassen können. Begeistertes Klatschen und Johlen übertönte spielend die Lautsprecher. Geschafft. - Zwei Kulturbeauftragte der Region machten uns gleich im Anschluß Angebote. Ja, wir kommen. Gern. Und das Flackern - ob Agatha etwa auch unter uns war??? |
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01.01.02, 01:03 Uhr Unglaublich! Der große Saal des Ratsgymnasiums Stadthagen war AUSVERKAUFT, einschließlich des Balkons. Traumhaft. Eine große Schlange an der Kasse wartete auf Restkarten, zusätzliche Stühle wurden noch reingestellt und in Absprache mit der Feuerwehr bekamen wir schließlich auch alle rein. 10 Minuten später begann die Vorstellung. Das war schon etwas sehr Besonderes. Technisch klappte bei uns allerdings nicht alles so, wie wir es gerne gehabt hätten, trotz der Generalprobe einen Tag vorher. Da müssen wir noch verbessern. Es soll ein Ansporn sein und eine Aufgabe für dieses Jahr. Die Inszenierung ist technisch schon sehr anspruchsvoll geworden - mit der Schneemaschine, mit dem stetig ansteigenden Schnee, mit der recht ausgefeilten Beleuchtung, mit den diversen Toneinspielungen. Wir werden das weiter optimieren. Es soll eine ganz ausgesprochen ausgefeilte “Mausefalle”-Show werden. Agatha Chriestie hat so immens großartige Dialoge geschrieben , Sie war eine unglaubliche Menschenkennerin und hat ein wirklich in vielen Facetten strahlendes Stück geschrieben, wir werden technisch eine ebensolche Meisterleistung erreichen. Die Darsteller werden von Vorstellung zu Vorstellung besser. Mittlerweile haben die Figuren, apart von der Inszenierung ein echtes eigenes Leben entwickelt und es macht Spaß zuzuschauen. Der Grat des “too much” ist jetzt nur noch eine dünne Scheidewand. Spielt ein Darsteller nur eine Spur außerhalb seiner Rolle wird es sofort künstlich, das Leben der Figur erlischt im Nu. Zum Glück passiert das momentan nur ganz, ganz selten. Großes Lob an die Darsteller. Ihre Figuren erleben tatsächlich das Stück. Schade, daß es nicht mehr solch wunderbare Stücke gibt. Davon gibt es nur sehr, sehr wenige - und sehr schön, daß wir dieses Stück für uns und unser Publikum entdecken durften. Ich war wirklich überrascht, wie interessant dieses Stück in der Arbeit wurde... und immer weiter gehend wird -. |
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28.02.02, 23:28 Uhr Long not seen! Die Bühne im Adolphinum ist eine echte Freude. Gratulation an den Architekten. Wunderbare Atmosphäre um Theater zu machen. Und ein echter technischer Leckerbissen: Vor dem Portal wurden 3 Scheinwerferstangen installiert, mit Scheinwerfern bestückt und die Multicores sind auf die Seitenbühne verlegt und enden dort ... und exakt dort platzierten wir unsere Dimmerpacks! Perfekt. Es hat viel Spaß gemacht im Adolphinum zu spielen. Unser nächster Termin führte uns nach Bissendorf. Dort gibt es eine gut durchdachte mobile Bühne für die Mehrzweckhalle und ein wirklich extrem liebenswertes Theaterpublikum: Viel Lob für die Aufführung und ein anschließendes Buffett für das Team und für die Theaterbesucher. Eine super Idee! Danke. Und unser Team war in Hildesheim bei der “Mausefalle” des dortigen Stadttheaters - mal hören, was es zu berichten gibt. Ich bin begierig. Bis die Tage, “gleiche Welle, gleicher Sender, gleiche Zeit” - ah, das war ja der gute Friedrich Luft. Gott hab´ ihn selig. |
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